Geschwisterrivalität

Geschwisterrivalität um die Liebe und Zuneigung der Eltern gilt unter Psychoanalytikern als beständig zwischen den Geschwistern vorhanden. Auch für spätere problematische Beziehungen zwischen den Geschwistern selbst und zu Dritten wird oftmals diese „Urrivalität“ verantwortlich gemacht.

Der Beginn der Geschwisterrivalität wird dabei oftmals im Entthronungstrauma gesehen, das vom älteren Kind durchlebt wird. Das Kind verliert dabei seinen Platz in der Mitte der gesammelten Aufmerksamkeit der Eltern an das jüngere Geschwisterkind. Denn dieses benötigt – gerade frisch geboren – entsprechend viel Aufmerksamkeit.

Nun hatte ich immer wieder Students, die mit dieser Rivalität gar nichts anfangen konnten. Auch ich selbst habe gegenüber meinem Bruder nie irgendwelche Gefühle verspürt, die ich in Richtung Wettbewerb deuten würde.

Ich konnte dem ganzen Konzept dadurch nie etwas abgewinnen: Für mich war mein Bruder immer der erste Mensch, für den ich mir ein besseres Leben als für mich selbst wünschte. Dass ich es dabei manchmal übertrieben habe und ihn mit meinem Ehrgeiz (bezogen auf seinen Erfolg!) genervt habe, ist sicherlich auch wahr.

Die Lösung kam mir dann vor Jahren beim Ansehen alter Familienvideos mit meiner Frau: Sie stellte offen (und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen) fest, dass man auf den Familienvideos immer wieder erkennen könne, wieviel Mühe mein Bruder sich gab, mich zu verdrängen, mir ins Wort zu fallen – also insgesamt die elterliche Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

Ebenfalls sind mir daraufhin immer wieder kleinere Vorfälle eingefallen, in denen meine Hobbys, Arbeiten oder schlicht mein kleiner Besitz (hauptsächlich Bücher) sabotiert oder beschädigt wurden.

Daraufhin wurde mir dann klar, dass Geschwisterrivalität gar nicht unbedingt von beiden Gechwistern oder unbedingt dem „entthronten“ Geschwisterkind ausgehen muss. Es reicht vollkommen aus, wenn eines der Geschwister so empfindet. Die Gefühle müssen dann nicht exakt so vom anderen Geschwisterkind erwidert werden. Dennoch, denke ich, werden sich die Gefühle des nicht der Rivalität verfallenen Kindes wohl auch beeinflussen lassen von der Geschwisterrivalität des anderen Kindes.

Und so begann ich zwei der oben angesprochenen Students ein wenig genauer zu interviewen und stellte dabei Erstaunliches fest: Beide sind die älteren Geschwister. – Genau wie ich!

Seitdem sind das sofort meine ersten Fragen, wenn ich einen Student habe, der sein Verhältnis zu seinen Geschwistern als „ok“ bezeichnet.

  1. Rivalität gefühlt / wahrgenommen?
  2. Älteres Geschwisterkind?

Ich würde nicht behaupten, hier über eine verlässliche statistische Größe zu verfügen, aber ich werde diese Zusammenhänge weiter beobachten.

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